Elmar Schenkel entdeckt "Dichter im Café"

 

Mit wem kann man über Hermann Kesten sprechen? Mit Germanisten?

Verlagshistorikern? Exilforscherinnen? Ich habe bislang mit niemandem über Kesten gesprochen als mit meinem Buchhändler, ich habe ihn auch gerade erst entdeckt. -

 

Dass wir ihn kaum noch kennen, hängt mit dem Schicksal vieler sogenannter Exil-Autoren zusammen. Hitler verfolgt sie ein zweites Mal – durch das Vergessen ihrer Werke in der deutschen Öffentlichkeit nach dem Krieg. Immerhin war Kesten (1900-1996) Präsident des PEN-Clubs, wohnte aber nie wieder in Deutschland. Geboren in der heutigen Ukraine, aber aufgewachsen in Nürnberg: das dürfte der Grund sein, warum eines seiner essayistischen Hauptwerke in der Edition moderner fränkischer Klassiker aufgenommen wurde. Auf der Suche nach Literatur, in denen Kaffee und Cafés eine Rolle spielen, stieß ich auf dieses 1959 erstmals publizierte Buch – und war sogleich gebannt. Denn es ist Kulturgeschichte und Literatur zugleich, ein schwer identifizierbares Insekt, das durch unsere Gegenwart schwirrt.

 

Kesten treibt sich in den großen Cafés der Welt herum und führt Gespräche mit Phantomen aus dem 18. Jahrhundert oder mit Freunden, die ihm die Lebensläufe von Kaffeehausliteraten beschildern, denn „das Kaffeehaus ist ein Wartesaal der Poesie“. In diesem Wartesaal gehen die Türen auf und zu, manchmal schlägt ein politischer Luftzug gewaltsam die Türen zu oder Fenster in die Welt werden aufgerissen. Wir treffen Jonathan Swift, Defoe, Johnson, Voltaire und Peter Altenberg, Alfred Polgar, Kafka, Musil oder Joseph Roth. „Irgendwie“ ist das Wort, das durch die Räume geistert, auch „Stefan Zweig schrieb allzu oft ‚irgendwie’“. Das Café ist der Ort, der Fremden Heimat gibt, der vernetzt wie einsam sein läßt.

 

Schon deshalb musste ein solches Buch nach der Exilzeit geschrieben werden, wie überhaupt das Wiener Café ohne die Autoren, die in die Emigration flohen, gar nicht mehr zu denken war. Das Café bietet für einen kleinen Obolus ein Willkommen in der Fremde an, nebst Zeitungen und Muße. Diese Mischung aus Fremde und Heimat wird Grundlage einer Kulturgeschichte, in der wir mit Kesten die Cafés von Paris, London, Rom, New York, Wien, München und Berlin besuchen und eine Menge lernen über die englische, französische und deutschsprachige Literatur. Unter dem Einfluss des Koffeins öffnet der Autor ein Füllhorn von Anekdoten, die befruchtend auf die Leserschaft herabschweben. Zum Beispiel als Ort existenziellen Handelns und Denkens. So bewies der Bischof und Kaffeehausbesucher George Berkeley dem französischen Metaphysiker Malebranche einmal in einem Café, dass die Materie gar nicht existiere – woraufhin dieser vor Schreck und Wut an Ort und Stelle gestorben sein soll. Auch die Existenzialisten konnten ihren Seinszweifel nicht irgendwo, sondern nur in einem Café zum Ausdruck bringen.

 

Warum aber ist die Kaffeehauskultur in Wien so prägend geworden? Es ist die bislang auffälligste Form, sich der Realität zu verweigern. Oder wie Alfred Polgar einmal schrieb: „Das Wiener Café Central ist […] eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.“ Diese Verweigerung gegenüber der Realität kommt nicht aus Österreich, sie entstammt der Seele, und daher sind Kaffeehausgeher weltweit gesegnet von der Kirche der Nutzlosigkeit.

 

Und nun eine Preisfrage: Welcher Kaffeehausliterat von weltliterarischem Rang machte nebenbei Geschäfte mit einer Bisamkatzenfarm? Wer diese Frage beantwortet, erhält zweifellos den vorliegenden Band in einer raren Taschenbuchausgabe von 1983!

 

Elmar Schenkel

 

Hermann Kesten, Dichter im Café. Cadolzburg: ars vivendi 2015 (Edition moderne fränkische Klassiker), 372 Seiten, 19,90 Euro. (Originalausgabe 1959)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Heiko Zimmermann (Dienstag, 26 Juli 2016 13:51)

    Ziegel, Tabak, Wein, Bier, Likör, Romane, Bisamkatzen ... "Geschäft ist Geschäft," wie Daniel Defoe meinte. Schön. Allerdings wohl vor der Zeit des Hypes um den teuren Zibetkatzenkaffee. Das hätte der Kaffeehauskultur einen etwas anderen orientalischen Touch gegeben.

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Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
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