Unser Tipp im Februar - Florian Wacker: Albuquerque

In den Kurzgeschichten des 1988 verstorbenen US-Amerikaners Raymond Carver besteht der Kunstgriff darin, den Schwerpunkt der Geschichte auszusparen beziehungsweise aus der Handlung hinaus zu verlagern. Die Katastrophe, der dramatische Höhepunkt hat entweder bereits stattgefunden, oder steht noch bevor. Ähnlich geht Haruki Murakami (der Carver ins Japanische übersetzte) in vielen seiner Erzählungen vor; in aktuellen deutschen Kurzgeschichten nehmen beispielsweise Clemens Meyer (Die Nacht, die Lichter) oder Finn-Ole Heinrich (Die Taschen voll Wasser) diese Erzähltechnik auf.  

Das Debüt des 1980 in Stuttgart geborenen Florian Wacker enthält 14 Erzählungen, die sich über acht bis fünfzehn Seiten erstrecken und Ausschnitte aus den Leben von Busfahrern, Malern, Straßenarbeitern usw. zeigen. Während Finn-Ole Heinrich sich häufig mit wahnhaften Charakteren beschäftigt und Clemens Meyers Geschichten von gebrochenen und kämpfenden Gestalten in der Stadt eine gewisse Romantik an den Tag legen, beschäftigt Florian Wacker sich vor allem mit Menschen, die halbwegs gesichert im Leben stehen, die vielleicht nicht mittelmäßig sind, aber sich (ausgesprochen oder nicht) als mittelmäßig sehen und gesehen werden. Doch der Reiz der Erzählungen besteht nicht in den Berufstätigkeiten der Protagonisten,  sondern vielmehr in der Atmosphäre der Orte, an die Wacker sie schickt:

In Feierabend beispielsweise folgt Schopp zwei Füchsen ins düstere Dickicht und gelangt in ein Dorf, in dem sein eigenes Leben weit entfernt und kaum noch bedeutsam erscheint. In Terrakotta  erhalten Kolb und Alex den Auftrag, die Wände einer perfekten und vollkommen menschenleeren Modellstadt zu malern. Der kulissenhafte, gespenstische Ort bewirkt eine kaum greifbare Veränderung sowohl beim Malermeister als auch bei seinem talentierten Lehrling. Dass sich etwas verändert wird, liegt unausgesprochen und dennoch überdeutlich in der Luft. Der Leser erfährt nicht, was Schopp oder sein Erzähler denken, während sie am Fenster stehen und in das eigenartige Dorf hinab schauen; wir wissen nicht wirklich, was in Kolb vorgeht, während er durch die Geisterstadt fährt. (Nur dass er nervös ist, erfahren wir, als er glaubt von einem anderen Fahrer, der sich als Alex‘ Freundin entpuppt, verfolgt zu werden.) Es ist Teil dieser Atmosphäre, dass sie ungebrochen bleibt von Wertungen und Kommentaren. Wacker beherrscht dieses Vorgehen so glänzend, dass man sich wünscht, er würde, zumindest in der einen oder anderen Geschichte, auf seine mühsam erarbeitete Schlichtheit verzichten und etwas „Spektakuläres“ zeigen, doch das ist nicht sein Anliegen.  

Neben dieser atmosphärischen Könnerschaft zeichnet Wackers Erzählungen noch ein weiteres Merkmal aus: Er präsentiert uns seine Gestalten, die ein sogenanntes einfaches Leben führen, weder als gebrochene oder moralisch verkommene Subjekte, noch verklärt er sie zu Arbeiterhelden. Keine Geschichte verfällt in den Voyeurismus oder in Trostlosigkeit. Stattdessen zeigt er uns schlichte, aber stolze Gemüter, die ihr Glück und Unglück mit Haltung ertragen.

 

Florian Wacker: Albuquerque

Erzählungen

Leineneinband

160 Seiten | 16,90 €

ISBN 978-3-938539-32-3

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Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

 

DR ABBEL UN DE NUSS

 

Ä Abbel hing am Weihnachtsboom

Un dachte in sein Griebse:

De goldche Nuß am Zweich da ohm, Das wär mei Fall. Ich liebse.

 

De gleene Nuß war ihrerseits

Däm Abbel ooch gewoochen.

Un so hat jeder dorch sein Reiz

Dn andern angezoochen.

 

Se dreimten beede vor sich hin

Un winschten bloß das eene:
Ämal im gleichen Maachen drin
Zu schtärm. Ach wär das scheene!

 

Lene Voigt

 

(aus dem "Kleinen Lene Voigt Buch")

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