Einblicke in eine digitale Hölle - Dave Eggers' Der Circle

1949 veröffentliche Jorge Luis Borges die Erzählung Das Aleph, in der der Erzähler im Keller der verblichenen Angebeteten eine Art Knotenpunkt findet, von welchem aus er jeden Punkt des Universums aus jeder möglichen Perspektive erblickt. Was bei Borges ein phantastischer Traum ist, scheint in Dave Eggers’ Roman Der Circle beinahe realistisch, dank eines unerschöpflichen technischen Fortschritts und der Vision, jedes Geschehen und jede Handlung erfassbar und messbar zu machen.
Der Plot ist banal und nebensächlich: Die junge Mae Holland erlangt mit ein wenig Unterstützung einer Freundin einen der begehrten Arbeitsplätze beim Circle - einem gigantischen Unternehmen auf einem nicht minder gigantischen Campus, das sämtliche Internet-Dienste in einem Programm zusammenfasst und nun Finanzströme, Informationszugang und letztlich auch politische Wahlen kontrolliert. Es gibt einen skrupellosen Finanzhai, einen geheimniskrämerischen Liebhaber, der nicht ist, wer vorgibt zu sein, und leidenschaftlichen Koitus auf sauberen Toiletten.
Doch der Roman zieht seine Spannung nicht aus dem Schicksal der Charaktere, die trotz hoher universitärer Abschlüsse nie aus ihrer Naivität herausfinden, mit Ausnahme der Eltern Maes, die zwischen Stolz auf ihre Tochter und Skepsis gegenüber der vom Circle angestrebten “Vollendung” - der absoluten Transparenz - schwanken. Den Leser fesselt das eigene Unbehagen: Eggers erweckt den Eindruck, dass der Circle keine ferne Dystopie ist, sondern greifbar nah. Wo liegt die Grenze zwischen Transparenz und Überwachung? Eggers denkt Entwicklungstendenzen des digitalen Zeitalters zu Ende (wenn auch unter der vereinfachenden Maxime, dass jeglicher Widerstand entweder nicht existiert oder ungehört bleibt) und entwirft eine Hölle, in der Maes Ex-Freund sein Heil in der Zivilisationsflucht sucht und mittels Kameradrohnen bis an den Abgrund gejagt wird. “Wir wollen deine Freunde sein”, ruft Mae durch einen Lautsprecher an der Drohne und dreht versehentlich die Lautstärke hoch - die Assoziation eines aus den Wolken dröhnenden Gottes ist überdeutlich.
Die Verfolgungsszene ist eine der erinnerungswürdigsten, die der Roman bietet. Überhaupt sind die stärksten Szenen die, in denen der Autor auf die Pauke haut. Wenn die Anführer des Unternehmens vor versammelter Belegschaft weitere Schritte auf dem Weg zur "Vollendung" ankündigen und Begeisterungsstürme ernten. Oder wenn eine Politikerin entscheidet, künftig sowohl privat als auch im Amt transparent, sprich  vollzeitüberwacht, zu agieren und damit Druck auf alle übrigen Politiker ausübt - denn was haben sie zu verbergen? Oder wenn Chips erfunden werden, um sie Kindern unter die Haut zu pflanzen und den Nachwuchs zur eigenen Sicherheit zu überwachen. Furchteinflößend erscheint auch die perfide Art, auf die der Circle die vielbeschworene Auflösung zwischen Arbeit und Freizeit auf die Spitze treibt: Die Angestellten leben in einer vermeintlich intellektuellen, kreativen Wonneblase mit Biocafeteria, Tennisplätzen, Singer/Songwriter-Wettbewerben und allem, was das hippe Herz begehrt.
Auf der anderen Seite sind da die stillen, menschlichen Szenen, die blass bleiben. Sowohl Maes Rückzüge in die Einsamkeit einer Kanutour als auch ihre Gespräche mit ihrem Exfreund, ihrer Freundin und Rivalin und ihren Eltern wirken blass und ideenlos. Nichts lenkt ab von dem Zukunftsszenario, das Eggers entwirft. Am Ende des Romans bleibt der Leser in der Furcht zurück, dass wir sehenden Auges eine digitale Höllengesellschaft errichten, während ihn das weitere Schicksal der Charaktere kaum kümmert. -- A.D.

Bei uns im Speck's Hof finden Sie sowohl das englische Original als auch die deutsche Übersetzung von Ulrike Wasel:

Dave Eggers: Der Circle (Gebundene Ausgabe)

übersetzt von Ulrike Wasel
Kiepenheuer & Witsch
978-3462046755
22,99 Euro

Dave Eggers: The Circle (Paperback)
Penguin Books
978-0-241-97037-9
10,00 Euro

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Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

 

DR ABBEL UN DE NUSS

 

Ä Abbel hing am Weihnachtsboom

Un dachte in sein Griebse:

De goldche Nuß am Zweich da ohm, Das wär mei Fall. Ich liebse.

 

De gleene Nuß war ihrerseits

Däm Abbel ooch gewoochen.

Un so hat jeder dorch sein Reiz

Dn andern angezoochen.

 

Se dreimten beede vor sich hin

Un winschten bloß das eene:
Ämal im gleichen Maachen drin
Zu schtärm. Ach wär das scheene!

 

Lene Voigt

 

(aus dem "Kleinen Lene Voigt Buch")

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