Lieblingsbuch im Dezember: "Predigt auf den Untergang Roms" von Jérôme Ferrari

Bar-Philosophie
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Eine Predigt wikt oft erschlagend, eine Predigt auf einen Untergang erst recht, würde man meinen. Kommt dann noch Rom ins Spiel, wird es existentiell. Und genau so ist es: Der Franzose Jérôme Ferrari hat mit seinem Roman "Predigt auf den Untergang Roms" ein erschlagendes Buch geschrieben, ein erschlagend gutes Buch.

Es fängt an mit der Kontemplation eines alten Herren, Marcel Antonetti, über einer Fotografie seiner Familie aus dem Jahr 1918. Er versucht in ihr das Rätsel der Abwesenheit zu entschlüsseln. Abwesend ist er selbst, ein ungeborenes Kind. Und so wird er sich zeitlebens fühlen: abwesend im Lauf der Geschichte, beseelt von einem immerwährenden Tatendrang, den er auszuleben nie die Möglichkeit sehen wird. Verbittert und einsam, im Schaukelstuhl sitzend, blickt Marcel auf das 20. Jahrhundert zurück.

Der Roman erzählt die Geschichte dreier Generationen. Marcels Sohn und seine Nichte werden sich in inzestuöser Liebe vereinigen, daraus wird Matthieu entstehen, ein weiterer unglücklich entwurzelter Mensch. Während sich seine Schwester Aurélie irdischen Problemen - als Archäologin auf den Spuren Augustinus' in Algerien - widmet, bleibt der Philosophie-Student Matthieu der Welt entrückt und doch voller Sehnsucht nach der "Besten aller möglichen Welten" (Leibniz). Diese meint er zu finden, als plötzlich die Dorfkneipe seines korsischen Heimatörtchens zur Pacht frei wird. Matthieu und sein Jugendfreund Libero machen sich auf in ihre alte Heimat, um die Bar zu übernehmen und die Philosophie an den Nagel zu hängen. Und tatsächlich entwickelt sich alles erstmal gut: Hübsche Kellnerinnen sorgen mit unorthodoxen Methoden für regen Betrieb, die Bar wird zum Dorfmittelpunkt, der Rubel rollt und Matthieu, wie ein Kind an den Leibern seiner Kellnerinnen klebend, fühlt sich plötzlich ganz groß.

Wäre da nur nicht dieser Augustinus. "Predigt auf den Untergang Roms" ist eine Verfallsgeschichte und dem Leser wird schnell klar, dass alles den Bach runter gehen wird. Und so lässt Augustinus weise von oben ausrichten: Denn Gott hat für dich nur eine verderbliche Welt geschaffen. Durch den gesamten Roman zieht sich diese augustinische Weltauffassung: Nichts ist ewig, alles wird untergehen, nimm es hin, beschwere dich nicht und mach dich nicht lächerlich. - Matthieu und Libero glauben naiv an die "Beste aller möglichen Welten" und das wird ihnen zum Verhängnis.

Existentiell wird Ferraris Roman, wenn er mit souveräner Hand durch die Weltgeschichte wandert: Von Augustinus und dem tatsächlichen Untergang Roms über die koloniale Vergangenheit Frankreichs und die beiden Weltkriege mitten hinein in die korsische Dorfkneipe, die als Mikrokosmos für den erbarmungslosen Lauf der Geschichte und für den unabwendbaren Verfall aller Materie dient.

Wie eine Predigt ist auch Ferraris Sprache: Mit langen und kunstvollen Satzkonstruktionen, fast ohne Absätze und Dialoge und doch mit einem rasanten Handlungsfluss, lässt der Franzose eine Sogwirkung entstehen, die den Leser bannt und - wäre der Raum mit Weihrauch durchtränkt - bestimmt in Trance versetzen würde. Natürlich kommt ein solcher Roman nicht ohne Pathos aus, doch driftet Ferrari nie ins Kitschige ab.

"Predigt auf den Untergang Roms" wurde im vergangenen Jahr mit dem renommiertesten französischen Buchpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Es ist gut, dass er im Frühjahr in der ausgezeichneten Übersetzung von Christian Ruzicska beim feinen Secession Verlag erschienen ist. Chapaeu! S. 

 

 

Jérôme Ferrari

Predigt auf den Untergang Roms

Le Sermon sur la chute de Rome (Actes Sud, Arles)

aus dem Französischen von Christian Ruzicska

208 Seiten, schön gebunden

Secession Verlag für Literatur, Zürich

19,95 Euro

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Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
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