"Mittwoch“. Ein ganz gewöhnlicher Tag. Ein ganz gewöhnlicher Titel. Und doch alles andere als ein gewöhnliches Buch, schon äußerlich ist es sehr schön anzusehen. Wieder einmal bestätigt sich,
welch große Sorgfalt der Jung-und-Jung-Verlag in der Buchgestaltung an den Tag legt. Hinter der elegant-schlichten Hülle hat Wolf Wondratschek, der alte Literatur-Beau und Aufrührer einen
mitreißenden Collage-Roman aufgefaltet, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Wie ein einsamer Großstadtdetektiv hat sich der Autor auf die alten Jahre noch einmal auf die Straßen begeben, um dem
Leser das Licht in ein paar dunkle Ecken zu leuchten.
In einer perspektivischen Achterbahnfahrt nimmt Wondratschek den Leser an die Handschellen durch einen gewöhnlichen Tag seiner schattenhaften Observationsfiguren. Und ordinär ist dabei
höchstens das Personal des episodischen Collage-Romans: Der Mittwoch beginnt auf der Pferderennbahn durch die gierigen Augen eines Wettsüchtigen, nimmt einen weiter mit in die Boxhalle, den
Straßenstrich, zum Friseur oder ins Tabakwarengeschäft. Wenn er die Stimmen der Figuren aufzeichnet, bekommen Wondratscheks aus den mythischen Milieus aufgelesene Sätze fast schon
stenographische Kürze und werfen durch ihre authentischen Mundarten ein empathisches Protokoll der Schattenfiguren in den Blick des Lesenden. Und immer sind die Szenen in Dunst gehaucht, den
man sonst nur noch aus alten Eckkneipen zu kennen meint: ehrlich-nostalgisch.
„Er hat die Zeiten noch erlebt (und was waren das für Zeiten!), als der Journalismus noch mit dem Tabak verheiratet war. Selbst die Sekretärinnen waren Kettenraucher. Ich rauche, also bin
ich – mehr Philosophie war unverträglich. Und die Resultate konnten sich sehen lassen. […] Die haben sich tagelang nicht gewaschen, aber was sie in die Setzerei gaben, war sauber.“
Die abenteuerlich-realistische Atmosphäre nimmt einen dabei schnell ein. Von der ersten Geigerin bis zum drogensüchtigem Stricherjungen Ario, der seinem Liebhaber bei der Staatsgewalt den
Stoff aus der Asservatenkammer entlockt, spannt sich das Figurenkabinett in alle Richtungen: den Luxus, den Pokerkeller, das Polizeidezernat und den wilden Osten. An einer 24-stündigen Schnur
fädelt Wondratschek so ganz unterschiedliche Geschichten und Gedanken aneinander. Bei der abgeklärten Sprache denkt man leicht an Fauser oder Meyer.
Eingänglicher und runder als etwa bei Meyer zeigt sich Wondratscheks Cut-Up in "Mittwoch" jedoch, auch öffnet er ein deutlich größeres Spektrum an verschieden gut oder schlecht gestellten
Persönlichkeiten. Immer wieder wird man als Leser von einer neuen Perspektive und einem anderen Milieu überrascht. Ein „Mittwoch“ kann so ziemlich schnell vergehen, durch Wondratscheks
gesellschaftliches Guckloch, das einem viele neue Welten zeigt. Die gewöhnliche Welt jedenfalls findet in einem anderen Buch statt, aber das wollen wir ja nicht lesen. JN
Wolf Wondratschek
Mittwoch. Roman
schön gebunden, 244 S.
Jung und Jung Verlag
ISBN 978-3-99027-041-7
22,00 Euro
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