Lieblingsbuch im September: Chad Harbach - Die Kunst des Feldspiels

ein wuchtiges Buch
ein wuchtiges Buch

Selten schlagen Debütromane mit solcher Wucht ein wie „Die Kunst des Feldspiels“ von Chad Harbach. Der US-Amerikaner hat mit seinem Buch über Baseball, Liebe, Erfolg und Scheitern einen intelligent-leichten, distanziert-teilnehmenden, klug strukturierten und vor allem einen überaus liebenswürdigen Roman geschrieben. 2011 erschien der Text in den USA und erhielt Lob von den gestandenen Romanciers John Irving und Jonathan Franzen, seit August dieses Jahres ist nun das deutschsprachige Taschenbuch auf dem Markt.

 

Wer sich noch nie mit Baseball beschäftigt hat, dem sei vor der Lektüre ein Blick in die Wikipedia geraten – doch: keine Angst, in „Die Kunst des Feldspiels“ spielt Baseball zwar vordergründig die Hauptrolle, steht aber immer als Metapher auf das Zweifeln über den Erfolg und den Ehrgeiz im Raum:

„Auf seine leise Art war Baseball ein Sport maßlosen Grauens. Bei Football, Basketball, Hockey oder Lacrosse stürzte man sich ins Gewühl. Doch beim Baseball war es anders – kein durchgehendes Handgemenge, sondern eine Abfolge einzelner Wettkämpfe. Schlagmann gegen Pitcher, Feldspieler gegen Ball. Man stand da und wartete und versuchte, innerlich ruhig zu bleiben. Wenn der Moment gekommen war, musste man bereit sein, denn verbockte man es, wusste jeder, wessen Fehler es gewesen war.“

 

Ein solcher Fehler unterläuft Henry Skrimshander, dem talentiertesten Shortstop-Spieler des ganzen Landes, in einem College-Match. Bisher hatte er immer fehlerfrei geworfen, doch dieses Mal driftet der Ball merkwürdigerweise in der Luft ab und trifft seinen Mitspieler am Kopf – Henrys Rekordserie ist zu Ende, das Grübeln über das Scheitern beginnt. Henry verkrampft, produziert Fehler auf Fehler, rutscht zuerst aus dem Team und dann in eine Depression.

Den Druck, Erfolg und Leistung erbringen zu müssen, haben auch Mike, Henrys Mitspieler und Förderer, eine übermächtige Bruder-Figur, der smarte und schwule Owen, der sich auf eine Beziehung mit dem 60-Jährigen College-Präsidenten und Melville-Bewunderer Affenlight einlässt. Dessen Tochter Pella kehrt nach einer verkorksten Ehe zu ihrem Vater zurück, fest entschlossen, ihrem Leben eine neue, erfolgreichere Gangart zu geben. Alle sind involviert in Henrys Kampf gegen das Scheitern, sie haben ähnliche Probleme auf anderen Terrains, aber die Baseball-Metapher dient allen Thematiken als Schablone.

 

Chad Harbach zeichnet in seinem Roman das Bild einer amerikanischen Leistungsgesellschaft, in der das Prinzip „self-made“ dominiert, jeder selbst für sein Leben, für seinen Erfolg und sein Scheitern verantwortlich ist. Trotzdem präsentiert Harbach diese liberal-kapitalistische Gesellschaft in „Die Kunst des Feldspiels“ auf eine warme, menschliche und freundliche Art. Freundschaft, Liebe und Sport, so die Botschaft, helfen das Grübeln am Erfolg, die Angst vor dem Scheitern und den immensen Druck, Leistung erbringen zu müssen, zu besiegen. Und mit dem Sieg, dem Triumph über allzu menschliche Fehler, bekommt auch der amerikanische Traum ein neues Antlitz, eine höchst reale, irgendwie machbare Gestalt. S.

 

Chad Harbach

Die Kunst des Feldspiels. Roman

Taschenbuch, 605 Seiten

DuMont Buchverlag

978-3-8321-6252-8 

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Lene Voigt (um 1910), Foto: Archiv der Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
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