Julius Becke, geboren 1927 in Leipzig, noch während der Schulzeit zu den Flakhelfern, später zur Wehrmacht eingezogen, 1949 Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft nach Leipzig, bis 1953 Sprecher bei Mitteldeutschen Rundfunk, studierte dann in Frankfurt am Main, danach als Lehrer tätig, veröffentlichte Lyrik und Prosa, lebt heute in Bad Homburg und widmet sich der Kunst.

 

Auszüge aus "Really the Blues":

 

Das Cello des Stradivari

 

Die Villa stand in bester Lage am Rosental. Später Gründerstil, beinahe schon Jugendstil. Figuren und Säulen aus schwerem Gestein, den Horch in der Garage. Der Herr des Hauses, ein drahtiger, kurzer Mensch, dessen großer blanker Schädel mit buschigen Augenbrauen gerade dadurch noch auffälliger wurde. Doktor der Germanistik, Doktor der Ingenieurwissenschaften, Erfinder, Großindustrieller, Mitinitiator jener Geisterstunde im Gohliser Schlößchen, in der Literatur und Philosophie der Deutschen Klassik zelebriert wurden. Die Beziehung kam übers Gymnasium zustande. Heil Hitler, Frau Becke, höre ich ihn sagen. Ohne jede Anmaßung. Herzlich und privat. Auch sehe ich noch das Parteiabzeichen auf seinem Revers.Jährlich fanden Hauskonzerte der jungen Generation statt. Besonders vorgeführt wurden die Schüler des Cellolehrers. Auch Bruder Herbert war dabei und kam knapp, aber elegant über seine Runde.

 

Der große Bruder begleitete das Cellospiel des Herrn P. am Klavier. Das Cello war von Stradivari.

 

Hitler war in Leipzig angekündigt. P. lud uns ein auf einen Balkon des Hotel Astoria. Der war so groß, daß beide Familien darauf Platz hatten. In dem Gedränge und Geschubse da unten hätte ich nicht stehen mögen, stundenlang, ohne etwas zu sehen. Ich war fein heraus in dieser Theaterloge.

 

Unten, den Bordstein entlang, bildete SA, mit ihren Schulterriemen von Faust zu Faust, eine Absperrkette. Er kommt, wurde immer wieder einmal gerufen. Vom furiosen Geschiebe drohte die Männerkette aufzuplatzen. Schließlich kam er, dieses Männchen, im schwarzen Mercedes stehend, linke Hand am Koppel, die rechte ausgestreckt. Wer in Deutschland könnte das nicht nachzeichnen?

 

Nacht und Nebel hieß der erste Film, den ich über Auschwitz nach Krieg und Gefangenschaft sah. Die Überlebenden sahen uns an, mit leeren Augen, die nichts mehr fassen konnten, und im Text hieß es: Und liegen im backsteinschweren Schlaf. Oder so ähnlich waren die Wörter. Ich habe oft versucht, mit ihnen ein Gedicht zu schreiben. Und die Bilder werden wir mitnehmen, bis ans Ende.

 

Was hat P. gewußt? Um den Prozeß gegen Großindustrielle ist er herumgekommen. Bei Kriegsausbruch war er schon in Pension. Er muß viele aus den obersten Etagen gekannt haben. Hat er Bosch gekannt? Hat er mit Zweiflern gesprochen? Er war oft in die USA gereist. Gegen die Amerikaner können wir nicht gewinnen, hat er einmal gesagt. Und nach dem Krieg war alles an ihm so, als wäre nichts gewesen.

 

Ich will ihn nicht einschätzen. Was weiß ich denn? Aber er hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Kein Mozart, kein Beethoven, kein Goethe, kein Rilke hat ihm Einhalt geboten. Er hat der Ratte Heil gewünscht, hat ihr zugerufen.

 

Was kann uns halten?

 

 
 
Really the Blues

 

Sogar das kleine Holzbrückchen, das vom Kickerlingsberg ins Rosental führte, war abgebrannt. Nur ein Eisenträger war geblieben, über den wir hinüberbalancierten. Mit denen gehst du nicht, sagte meine Mutter. Die sind zu alt, die verführen dich, die rauchen alle.

Dieter P. ging auf eine Presse, die Schustersche Schule. Er hatte die Lehrer in der Hand. Die fürchteten um Schule, Geld und Schüler. Dieter verkehrte in der Regina-Bar, in die ich mich nicht hineingetraute, möglicher HJ-Kontrollen wegen. Er hatte einen suspekten älteren Freund, einen Pelzhändler vom Brühl, legte die Füße auf jeden Tisch, wie die Amerikaner, pflegte sein langes Haar mit Öl. Tom H. hingegen war der asketische Kaufmann. Sein Onkel schickte ihm aus Ungarn honigsüß und schwer duftende Zigaretten. Er zählte unablässig, Packung für Packung, Stück für Stück, vorzugsweise, wenn wir ihn besuchten. Er notierte und rechnete auf Zettel. Ehe wir alle Hoffnung fahren ließen, bekamen wir doch noch eine. Da wurde uns wohl, und wir verbrannten uns die Fingerspitzen an der Kippe. Tom hingegen drückte sie lässig aus.

Und dann war da Ilona. Im Dezember hatte ich sie das erste Mal gesehen. Auf dem Eis im Johannapark.

Ihr Röckchen war zwei Handbreit kurz. In der Hocke Kreise ziehend, streckte sie das eine Bein nach vorn, den silbernen Stahl auf weißem Lederschuh. Es genügte mir doch schon, daß der Wind einem Mädchen auf dem Fahrrad unter den Rock fuhr. Es ging doch keusch zu damals. Und nun Ilona. Mir war heiß und kalt, knickbeinig in den plumpen Skischuhen mit angeschnallten rostigen Eisen dran.

Ilona kannten alle. Natürlich auch Dieter und Tom. Die hat sturmfrei. Die beiden nahmen mich mit, nachmittags. Die Eltern immer im Geschäft, Fleischersleute. Im Wohnzimmer auf der Couch hat sich das plötzlich entschieden. Stand ich zuerst auf oder sie?

Jedenfalls gingen wir nach nebenan ins Schlafzimmer. Über ihren Rücken das seidene Unterkleid gezogen, im Spiegel die großen Brüste. Ich hatte die Reithosen und die juchtenen Offiziersstiefel meines großen Bruders an. Ziehen und zerren. Alles ging schnell. Ilona legte sich nicht ins Bett, sie lag sogleich quer, den Kopf und die Schultern über den Bettrand hinaus auf dem Boden.

Ich hab noch nie. – Kaum zu glauben. Du bist gut. Aber ich hatte jenen fahlen Geschmack auf der Zunge. Ich wollte gleich nicht mehr allein sein mit ihr.

Doch bei Teddy N.’s Jazz-Sessions, da war sie richtig. Als einziges weibliches Wesen unter jungen Männern. Reste aus dem Freundeskreis meines Bruders Herbert. Alle älter als ich. Urlauber, ein von den Nazis so genannter Halbjude, von Verwundungen Genesende. Teddy selbst schien mir über Schwejksche List zu verfügen. Entweder war er im Lazarett, im Revier, bei der Ersatz-kompanie mit häufigem Urlaub, jedenfalls nur selten und dann nur kurz an der Front. Er war sehr lang, sehr dürr, sehr blaß. Vielleicht hat er sich krank gemacht. Er ist nicht lange nach dem Krieg gestorben. Als Drummer auf der Reeperbahn.

Sein Vater war ein ehemals renommierter Goethe-Forscher. Nun fummle dich mal aus, Alter. – Ja Teddy, ich mach schon. Das weißhaarige Männlein war aus dem Bett geholt worden und stand nun im Nachthemd hinter dem Stativ, um mit einem Streichholz das Blitzlichttütchen zu entzünden. Gruppenbild Winter 1944. Downtown. New Orleans. Auf dem durchgesessenen Sofa, Matratzengruft mit Ilona an der Seite, und der Rauch zum Schneiden.

I got grasshoppers in my pillow/I got crickets in all my meal
I got grasshoppers in my pillow/I got crickets in all my meal
I got tacks in my shoes/And they’re stickin’ in my heel

In der Schule hatte ich begonnen, das erste Mal etwas mit Fleiß zu tun: Englisch. Der Blues-Texte wegen.

Heuschrecken im Kissen/Grillen auf jedem Tisch
Heuschrecken im Kissen/Grillen auf jedem Tisch
Nägel in den Schuhen/Die stechen mich

Ich war fasziniert von jener sich immer wiederholenden, elementaren Form: Vier Takte einer metaphorischen Mitteilung und deren Verstärkung durch ihre Wiederholung. Und der Sarkasmus und der Witz in den letzten vier Takten als Antwort an der Schmerzgrenze. Das Unversöhnte als Widerstand. Nur in den Blue Notes war Trauer. Ich habe das damals gefühlt und so nicht sagen können: Diese drei mal vier Takte waren mir eine befreiend profane, beinahe heilige Form.

Meine Mutter wollte die Polizei alarmieren. Ich kam erst gegen Morgen. Ich war 17 Jahre alt, und auch im Chaos des Untergangs galten die bürgerlichen Formen. Ich hatte kein Luftschutzköfferchen in der Hand, ich war am Nachmittag für ein paar Stunden weggegangen. Allein bin ich! Kein Mann im Haus! Wenn das Karl erfährt! Was soll das alles noch werden? Die Mutter hat mich geohrfeigt. Aber ich war ihr nicht gram. Den Blues konnte ich ihr nicht erklären.

Anne-Dore bin ich nur noch einmal begegnet. Sie kam mir entgegen, auf der einen Seite des Kickerlingsberges. Ich kam ihr entgegen, auf der anderen Seite des Kickerlingsberges.

If you see me comin’/Hoist your window high
If you see me comin’/Hoist your window high
If you see me goin’/Hang your head and cry

Der Blues war sehr männlich. Ich würde die Zärtlichkeit noch lernen müssen.

Die Luftmine hatte im Rosental einen Trichter von zwölf Metern Durchmesser aufgeworfen. Viel Gezweig in den Bäumen war zerrissen.

Die Bank stand leer. Kein Wort. Auch den Abschied würde ich noch lernen müssen.

Vorschau:

29.06.17, 20.00 Uhr

Alte NIkolaischule (Aula), Leipzig, Nikolaikirchhof 2

Buchpremiere Band 3 der Andreas-Reimann-Werkausgabe der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke

"DAS GANZE HALBE LEBEN"

- Gedichte und frühe Lieder -

mit: ANDREAS REIMANN (Lesung) HUBERTUS SCHMIDT (Gesang, Klavier)

Werke Andreas Reimann
Verlagsprospekt_Reimann_70_Web.pdf
Adobe Acrobat Dokument 3.6 MB

Connewitzer Verlagsbuchhandlung

(Buchhandlung)

Specks Hof

Schuhmachergäßchen 4

04109 Leipzig

Telefon (+49) 0341/ 960 34 46

Fax      (+49) 0341/ 960 34 48

E-Mail   info@cvb.de

 

Mo-Fr 10-20 Uhr

Sa      10-17 Uhr

 

Wörtersee der Connewitzer Verlagsbuchhandlung

(Verlagsabteilung & Buch- handlung)

Peterssteinweg 7

04107 Leipzig

Telefon (+49) 0341/ 224 87 83

Fax      (+49) 0341/ 960 34 48

E-Mail   woertersee@hotmail.de

 

Mo-Fr 10-19 Uhr

Sa      10-15 Uhr

 

Unser Prospekt Frühjahr / Sommer 2017
Connewitzer_Prospekt_2017_WEB.pdf
Adobe Acrobat Dokument 3.9 MB
Loading